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Vom selben Ursprung

Wie ein Kunstwerk entsteht und wie es gedeutet werden kann

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Christel Andrea Steier ist in Genkingen/Reutlingen geboren und arbeitet freischaffend in Bernau.

Nach dem Studium der Malerei interessierte sie sich zunehmend auch für Bildhauerei und arbeitete viele Jahre in Stein, bevor sie sich dem Holz zuwandte.

Steier ist mit etlichen Preisen, auch internationalen, ausgezeichnet und hat eine rege Ausstellungs-tätigkeit im In, – und Ausland.

Sie ist Organisatorin und Kuratorin zahlreicher Projekte und seit 2017 künstlerische Leiterin des Holzbild-hauersymposiums in St. Blasien.

Vom selben Ursprung
Christel Andrea Steier

Die Künstlerin selber zu ihrem Kunstwerk:

„Chromosomen sind Träger von Erbinformationen. Jeder Mensch hat 23 Chromosomenpaare von denen sich 22 bei Mann und Frau gleichen.

Das Chromosomenpaar Nr. 23, auch Gonosom genannt, bestimmt ob ein Mensch biologisch männlich oder weiblich ist. Es besteht dann entweder aus zwei X oder einem X und einem Y Chromosom. Die Kombination XX steht für Frau, XY für Mann.

Basis des Gonosoms bleibt das gemeinsame X – birgt es Ursprüngliches?

In Zeiten, in denen bei öffentlichen Ausschreibungen „Gender Angaben“ (m/w/d) gemacht werden müssen und „Me too“ Kampagnen die Gesellschaft spalten, suche ich das Verbindende.

Das gemeinsame rote X steht monumental und verbindet optisch die einzelnen Elemente der Skulptur.

Das gemeinsame X ist von mir in meiner Skulptur in Andeutung an ein sich umarmendes Paar konzipiert und verkörpert Zuneigung, Zärtlichkeit und Schutz.“

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In St. Blasien, einem Ort im Südschwarzwald, findet jährlich ein Bildhauersymposium statt, zu dem Künstler*innen aus aller Welt eingeladen werden, vor Ort, ein zuvor als Model eingereichtes Kunstwerk, eine Holzskulptur, zu schaffen.

Eine der Künstler*innen war 2019 die Bildhauerin Christel Andrea Steier, die die hier ausgestellte Skulptur: „Vom selben Ursprung“ geschaffen hat. Die Hauptrolle spielen in dem Kunstwerk die Chromosomen X und Y des Menschen. Die Arbeit der Künstlerin ist hier mit ein paar Bildern dokumentiert. Im Vordergrund erkennt man ein liegendes Y, das eines der Chromosomen verkörpern soll.

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Christel Andrea Steier bei der Arbeit. Die drei Teile der Skulptur wurden von ihr aus einem mächtigen Eschenstamm herausgesägt. Hier arbeitet sie an einem liegenden X, das eines der beiden X-Chromosomen darstellen wird.

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Das Mittelteil, ein aufrecht stehendes X, das ein zueinander geneigtes Paar verkörpert, ist fast fertig.
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Das alles verbindende X wird von Christel Andrea Steier in rot gestaltet.

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Die fertig gestellte Skulptur vor dem Dom in St. Blasien, wo sie mit den anderen Kunstwerken des Symposiums am Ende der Woche ausgestellt war.

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„Vom selben Ursprung“

Gedanken wie die Skulptur im Kontext unserer evangelischen Kirche und Gemeinden verstanden werden kann:

„Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“

(Galater 3, 28)

So sagt es der Apostel Paulus im Galaterbrief im Neuen Testament der Bibel.

Diese biblische Zusage nährt unsere Vision von einer kirchlichen Gemeinschaft aus Frauen und Männern, in der jede und jeder gleichberechtigt ist, sich entsprechend einbringen und entfalten kann. Diese Zusage steckt für mich auch in der von mir erworbenen Skulptur. Sie beinhaltet und spricht für mich die breite Palette der gegenwärtigen und auch grundsätzlichen Fragen und Auseinandersetzung an:

  • Wie hat Gott uns Menschen gedacht? (Der unser „Ursprung“ ist, s. o. Titel der Skulptur

    • Wer oder was ist Mann und wer oder was ist Frau? Wer sind wir?

    • Wie ist mit der Tatsache umzugehen, dass wir alle zuallererst von Gott geschaffene Menschen sind und als solche einen gleichen Wert besitzen und eine gleiche Berechtigung in unserer Existenz vor Gott haben? 

    Aus diesem Zuspruch ergeben sich Ansprüche an uns, die sich im Umgang miteinander, in unserer Sprache und dem
    Rollenverständnis zeigen und erweisen sollen:

    • im Umgang miteinander und in den Erwartungen aneinander?

    • In der Suche nach dem, was uns Menschen verbindet?

    • Wie gehören wir zusammen und wie finden wir das, was Geborgenheit, Vertrauen, Zuneigung und Zuwendung
    •  
    Mir geht es um die Vision von einer kirchlichen Gemeinschaft, in der jede und jeder unabhängig vom Geschlecht individuelle Charismen gleichberechtigt einbringen und entfalten kann.

      Der Umgang der Geschlechter miteinander ist sicherlich besonders in den vergangenen Jahrzehnten von Auseinandersetzungen und Findungsprozessen zwischen ihnen geprägt.

      Schaut man ca. 20 – 30 Jahre zurück, so ging es damals vordringlich darum, gegenwärtige Benachteiligungen von Frauen in unserer Gesellschaft, sowie Berufsleben und damit auch in unserer Kirche zu identifizieren, anzuerkennen und abzubauen.

      Dabei ist uns die Jahrhunderte lange Abwertung und auch Marginalisierung von Frauen in der Gesellschaft, aber auch Theologie und Kirche erneut deutlich geworden – als grausames Ereignis ist die Verfolgung und Ermordung von Frauen als „Hexen“ zu sehen.

      Heute leben wir im Bewusstsein und mit der Vision von einer geschlechtergerechten Kirche, die uns vor neue Aufgaben und Herausforderungen stellt:

      Nicht nur Frauen leben und leiden unter Rollenfixierungen und Rollenklischees. Auch Männer unterdrücken manche ihrer individuellen Charismen, um tradierten „Männlichkeitsbildern“ gerecht zu werden.

      Waren die vergangenen Jahrzehnte stark von der sicherlich historisch notwendigen Frauenperspektive und der damit einhergehenden feministischen Bewegung geprägt, so wird sie inzwischen nicht nur außerhalb, sondern auch innerhalb unserer Kirche zunehmend von einer Gender-Perspektive abgelöst.

      Diese Gender-Perspektive aber, die ich als eine Chance zu mehr Gleichberechtigung sehe, wird von manchen Menschen als Irrweg und Bedrohung wahrgenommen. Es gibt in vielfachen Facetten einen „Aufschrei gegen den Gleichheitswahn“ und Gleichmacherei und das Gender-Anliegen wird als Zeitgeistideologie abgetan.

      Ich weiß sehr wohl, dass mit dem Stichwort „Gender“ Gefühle und Ängste bei Menschen angesprochen werden, weil es immer um die eigene Identität geht.

      Deshalb spricht mich mein Kunstwerk an und ist mir auch deshalb so wichtig, weil es bei dem Thema nicht um eine
      Neutralisierung des biologischen Geschlechts geht.

      Unsere vielfältige Verschiedenheit ist ja gerade das, was uns als Individuum vor Gott ausmacht. Sie wahrzunehmen und zu erhalten ist auch eine göttliche Gabe und Aufgabe. Doch in der Verschiedenheit sind alle gleichwertig und gleichberechtigt!

      Aber um z.B. eine Gleichstellung der Frauen in Kirche und Gesellschaft zu erreichen und zu verwirklichen, müssen Männer auf tradierte männliche Privilegien verzichten, Räume und Positionen frei- und aufgeben.

      Ich habe vor Jahrzehnten schon im Studium in Vorlesungen zur ‚Feministischen Theologie’ gelernt, dass es mir und
      auch unserer Kirche gut tut, tradierte geschlechtsbezogene Rollenzuschreibungen in Frage stellen zu lassen. Aber ich
      habe auch gelernt und erfahren, dass tradierte Rollenbilder für Männer und Frauen nicht nur Gefängnisse, sondern auch Identitätsstiftende Halteseile sein können.

      Deshalb ist mir besonders wichtig, dass wir gemeinsam darauf achten, dass neue Einsichten, Erkenntnisse und
      Forderungen im Blick auf Frau-Sein und Mann-Sein und auf Geschlechtergerechtigkeit nicht zu neuen Klischees und
      Fixierungen führen.

      Die sozialwissenschaftliche wie die theologische Genderforschung interessieren sich für die interaktive Dynamik
      zwischen den Geschlechtern. Dabei unterscheiden sie zwischen den körperlichen Unterschieden und den kulturell gewachsenen sozialen Normierungen von Geschlechtsrollen.

      Wie nötig diese Forschung ist, wird deutlich, wenn wir zu bestimmen versuchen, was – jenseits der körperlichen
      Unterschiede – eine Frau im Unterschied zu einem Mann ausmacht. Dann merken wir nämlich schnell, dass unsere
      Beschreibungen nicht ohne Rollenzuschreibungen auskommen. Und gleichzeitig müssen wir diesen Zuschreibungen gegenüber kritische Distanz wahren. Damit sie keine Entwicklungen verhindern, die uns allen gut tun.

      Für mich macht die Skulptur, aufgestellt hier an der Erlöserkirche deutlich:

      „Ziel ist es, zur Gestaltung einer Kirche beizutragen, in der die Vielfalt menschlicher Begabungen auf allen Ebenen
      unabhängig von Geschlechtsrollen und Geschlechtsidentitäten zum Tragen kommt“, so steht es in formaler Sprache in der Ordnung des „Studienzentrums für Genderfragen in Kirche und Theologie“ der EKD.

      Wie zu Anfang schon angeführt: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“ (Galater 3, 28) – so Paulus im Galaterbrief.

      Diese biblische Zusage nährt unsere Vision von einer kirchlichen Gemeinschaft aus vielfältigen Menschen, in der jede und jeder sich gleichberechtigt einbringen und entfalten kann.

      Vieles ist in unserer Kirche schon geschehen:
      Die biblische Vision von einer geschlechtergerechten Einheit in Christus weiter mit konkretem Leben zu füllen,
      bleibt aber eine herausragende Aufgabe unserer Kirche.

      Pfr. i. R. Bernhard Laß

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