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Gott geht im Abendwind durch das Paradies Gen.3,8a

Liebe Gemeinde!
Das Eigentliche daran kann man nicht beschreiben. Es ist wie ein faszinierender Augenblick, ein Hauch, ein Moment im Laufe eines zu Ende gehenden Sommertages, der völlig absticht von den langen Stunden zuvor. Gestatten Sie mir zu schwärmen.

Vielleicht kennen Sie ja auch das Gefühl am Abend eines heißen Tages, die Sonne ist den Blicken schon entschwunden, aber noch ist etwas da, von diesem Tag, der Abschied nimmt. Da drängt es, noch einmal nach draußen zu gehen, hineinzulauschen in das unbändige Leben der Natur, etwas zu kosten von dieser ganz und gar eigenartigen Stimmung. Da erhebt sich leichter Wind und durchrauscht die Baumwipfel. Da schwingen sich noch einmal die Vögel auf die Spitzen, besingen den Tag, erfüllen den Abend mit ihrem hellen Gezwitscher. Und unaufhaltsam neigt sich die Nacht herein in dieses Spiel und – eben dieser Moment – es kehrt eine ganz unnachahmliche Ruhe ein, gewissermaßen der Frieden der Natur, weitet sich wie ein sanfter Schleier über die schon geschlossenen Blütenblätter. Ein Rascheln im Gebüsch, ein Flügelschlag – Der Tag nimmt Abschied und wie schön kann das sein und doch so voll Wehmut. Da kann stehen das Lob der Schöpfung neben dem Hunger nach Leben, tiefste Lebensahnung neben einem Hauch von Tod.

Die Bibel selbst überhöht diesen Augenblick durch einen ganz einzigartigen Satz. Man kann leicht über ihn hinweggehen, weil die Erzählung, in dem er so fast nebenbei erscheint, den Menschen so tief bewegt. Es ist eine Geschichte vom Anfang, aus dem Paradies, wir alle kennen sie, weil es nämlich sozusagen die einzige Geschichte ist, die vom Paradies berichtet wird. Die Schlange hatte Eva überredet, vom Baum der Erkenntnis zu kosten und Eva gibt die Frucht an Adam weiter. Und da überfällt sie geradezu die Erkenntnis aneinander. Die Erzählung überstürzt sich gewissermaßen – was nun? Und eben da kommt jener Satz noch wie aus der Paradieseszeit:

UND SIE HÖRTEN DIE STIMME, IHN SELBST, GOTT, WANDELND IM GARTEN IM ABENDWIND.

Gott ist im Garten. Er selbst. Nicht fern und unerreichbar. Und ganz offenbar will er dort sein, zu dieser Stunde. Er erfüllt diesen Augenblick mit seiner Gegenwart.
Da wird konkret, was an so vielen anderen Stellen umschrieben ist, das Reden von Gott, der in seiner Schöpfung wohnt. So können, dürfen wir Gott denken, so menschennah, so natürlich, wandelnd im Garten im Abendhauch.
Calvin hat gemeint, es sei morgens gewesen, der Sündenfall wäre in der Nacht geschehen. Weil da steht eigentlich nur: Er wandelte im Wind des Tages. Doch genauere Forschungen haben ergeben, daß dieser Ausdruck im Hebräischen eindeutig für den Abendwind steht.
Also meint die Bibel eben diesen Augenblick am Abend, der so lockt, durch den Garten zu gehen und das ist bei Gott auch so.
Lassen Sie uns diesen Satz heute in den Mittelpunkt stellen, nicht weitergehen als bis hierher, gewissermaßen vor Einbruch der Dunkelheit, vor dem Schrecken, der dann folgt, heute Halt machen.

UND SIE HÖRTEN DIE STIMME, IHN SELBST, GOTT, WANDELND IM GARTEN IM ABENDWIND.

Merkwürdig – die Subjekte dieses Satzes sind die Menschen, Adam und Eva. Sie hören. Sie können Gott wahrnehmen. Ist das die Frucht ihrer neuen Erkenntnis, die sie nun alles begreifen läßt? Da steht nicht, daß sie ihn sehen. Von anderen Berichten der Bibel wissen wir, daß niemand Gott sehen kann, darf, selbst Mose nicht, auch ihm würde sonst das Herz stillstehen.

Sie hören. Als wenn damit gesagt sein will: das ist es, was der Mensch nun, nach dem Sündenfall, von Gott wahrnehmen kann: er kann ihn hören. Das unterscheidet ihn von anderen Geschöpfen. Er vermag eigentlich zu verstehen, was der Schöpfer sagen will, wenn er nur hört.
Immer wieder gab es im Volk Israel und dann besonders in den christlichen Konfessionen das Bestreben, Gott darzustellen, sich ein Bild zu machen, Kruzifixe, Gott zum Anschauen. Und der frühe Protestantismus hat dagegen angekämpft, den Skulpturen den Kopf abgeschlagen, die Bilder gestürmt. Viel weniger kommt man heute gegen die Bilderflut an, die uns fast ertränkt mit ihren Darstellungen.

Und hier, in diesem Satz, der Hinweis: Gott erscheint nicht sichtbar, doch: man kann ihn hören.
Und es geht weiter: SIE HÖRTEN DIE STIMME. Unglaublich! Gottes Stimme. Ihn selbst.

Wir haben Ahnungen von der Stimme Gottes, jeder hat das wohl. Ganz zu schweigen von der Tiefe, mit der eine innere Stimme uns etwas sagen kann, von der wir vielleicht spüren: es ist mehr als mein inneres Selbst.

Wir Menschen würden sie gerne festhalten, die Stimmen, mitsamt ihren Stimmungen, sie uns endlos abspielen auf Stereo.
Als ich das Leben meines Großvaters erforschte, stieß ich auf den Hinweis, daß er vor dem Krieg im Radio einen historischen Vortrag gehalten habe. Ich schrieb an den Rundfunksender, an das Deutsche Hörfunkarchiv und suchte an vielen Stellen. Man teilte mir mit, daß es die Aufnahme nicht mehr gäbe. Wie gern hätte ich mal die Stimme des Großvaters vernommen.

Die menschliche Stimme – Ausdruck des Lebens. Und es ist Illusion, daß wir das Leben wirklich spüren durch Tonaufnahmen hindurch. Schon etwas anderes ist es, den Hauch der Stimme am Ohr zu spüren oder in digitaler Verzerrung am Telefon, Gesang live zu hören oder auf CD. Alle Ersatzsysteme werden die Stimmung des Augenblicks nicht ersetzen können, schon gar nicht die innere Stimme, auf die es zu hören gilt.

Sie hörten Gottes Stimme – das ist unglaublich faszinierend. Ob er gesprochen hat, mit den Blumen und Bäumen, mit den Tieren groß und klein, vielleicht gar gesungen? Ich möchte es wohl glauben.

Manchen Auslegern war das zuviel. Gemeint sei hier nicht die Stimme, sagen sie, sondern das Geräusch der Schritte. Wie gut, daß es das Hebräische hier ganz offen läßt.

Jedenfalls ist es der Schöpfer selbst. Das sagt der Satz eindeutig, indem er ihn beim Namen nennt: Jahwe Elohim. Jahwe, in unseren Übersetzungen steht da immer „Herr“. Jahwe – ein Wort, das im jüdischen Glauben niemals ausgesprochen wird, aus Respekt. Es wird umschrieben: „der Ewige, der Heilige, gepriesen sei sein Name“, Buber sagt einfach: ER. „Sie hörten Seinen Schall, Gottes“.

„Gott der Herr“ – mir ist das inzwischen zu flüssig, zu schnell ist man drüber weg, zu sehr Alltag ist das dann, männlich beherrscht. Man könnte auch einfach eine Pause machen. Jedenfalls: unmißverständlich: Gott selbst ist gemeint, der Schöpfer.

UND SIE HÖRTEN DIE STIMME, IHN SELBST, GOTT, WANDELND

Und das zeigt noch einmal den Hintergrund von Gottes Anwesenheit im Garten. Er geht nicht zielgerichtet auf die Menschen zu, er wandelt, er geht umher, er schaut hier und da, eben so wie man im Garten herumschaut und sich an der Natur erfreut. Merkwürdig daran ist ja, daß Gott noch nichts zu ahnen scheint von dem Vorgefallenen, daß er sich in aller Ruhe so auf andere Dinge einlassen kann. Ist das der Allwissende Gott oder doch nur die vermenschlichte Kunstfigur in einer schönen Geschichte?

Wir stoßen an die Grenze mit dieser Frage. Und doch möchte ich gerade diesen Gott glauben, der sich so an seiner Schöpfung freut, der so gelassen bleibt, so sich der Ruhe des Abends hingeben kann, was immer sonst sein mag. Jetzt sind ihm zuerst die anderen Geschöpfe wichtig, das Leben der Tiere im Garten. Von Bedeutung erscheint, daß er nicht irgendwo steht oder sich in völliger Ruhehaltung befindet. Gott ist in Bewegung, er bringt in Bewegung, seine Gegenwart ist nicht statisch sondern unbestimmt fließend den Garten erfüllend.

DER GARTEN. Nun der Ort des Geschehens. Ein Garten ist doch wohl immer irgendwie abgegrenzt von der Landschaft, ein besonders bearbeitetes Stück Boden, es bedarf ein wenig Pflege, damit Blumen und Bäume Blüten und Früchte hervorbringen können. Es bedarf des Menschen in einem Garten, seiner Weisheit und Erfahrung vom Zusammenspiel von Sonne und Mond, des Wissens, wann die Zeit des Ausreißens, wann die Zeit des Pflanzens ist. Von Zäunen, gepflegtem Rasen und gespritzten Äpfeln ist allerdings nicht die Rede.

Und der Garten ist eben nicht Wald oder Feld, sondern gewissermaßen die bunte Vielfalt auf begrenzterem überschaubaren Raum. Eben auch nicht ein Platz, architektonisch oder sonst baulich hervorstechende Merkmale sind der Ort dieses Geschehens, sondern das einfache, natürliche, ein Garten, der Garten Eden.

UND SIE HÖRTEN DIE STIMME, IHN SELBST, GOTT, WANDELND IM GARTEN IM ABENDWIND

Die Zeitansage kommt zum Schluß. Im Wind des Tages steht da. Und das Wort für Wind heißt im Hebräischen Ruach, und ist weiblich. Dasselbe Wort kennen wir für den Geist Gottes, der am Anfang noch über den Wassern schwebt.

Abend ist es. Darin steckt das Schwinden des Tages, darin das Verstummen der Vogelstimmen, das sich Schließen der Blüten, darin im Kleinen all die Vergänglichkeit des Lebens, der Abschied.

Es muß so sein. Die Schöpfung braucht ihre Ruhe, die Nacht, die Stille, den Tod. Das Wandeln Gottes steht im Einverständnis mit diesem Grundsatz. Er nimmt Abschied vom Leben dieses Tages. Er ist in Bewegung und bringt damit selbst sein Gesetz der Schöpfung nahe: Es muß weiter gehen, es kann nie stehen und in sich selbst genügsam bleiben. Jeder Tag ein Abschied vom Leben, Eingewöhnung in den Tod. Doch sanft ist dieses Sterben, leise und wohltuend ist die folgende Stille der Nacht.

Liebe Gemeinde, das Schöne an der Abenddämmerung, es ist die Schönheit des Vergänglichen, die Schönheit des erfüllten Augenblicks, der nicht verweilen kann. Ohne die sich hineinneigende Nacht, ohne die in diesem Geschehen innewohnende Bewegung zur Stille, zum Frieden hin verlöre sie ihren Sinn. Ohne das Ende vor unseren Augen wäre das Leben leer und egal. Die Erfüllung liegt allein im Augenblick, im Horizont des Vergehens wird er schön. Oh laßt sie uns genießen, diese Augenblicke, hineinlauschen in die Erfülltheit der Schöpfung, den Sommer, das Leben. Laßt uns jeden Tag bewußt Abschied nehmen und dankbar wie ein Abendgebet.

Wir fallen nicht in das Nichts. Als seine Geschöpfe dürfen wir ruhen in ihm. In ihm dürfen wir bleiben und er wird bei uns bleiben, im Leben und im Sterben. Er ist seiner Schöpfung nahe, gerade in ihrem Abend ist er da.

UND SIE HÖRTEN DIE STIMME, IHN SELBST, GOTT, WANDELND IM GARTEN IM ABENDWIND. Amen

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